Der Frankenkrimi „Hexnwerch“ von Jacqueline Reese entfaltet seine Geschichte in einer Landschaft, die auf den ersten Blick Ruhe, Bodenständigkeit und winterliche Beschaulichkeit ausstrahlt. Das fränkische Seenland, rund um den Altmühlsee, liegt kurz vor Weihnachten unter einer stillen Decke aus Kälte, Erwartung und Tradition. In den Dörfern bereiten sich die Menschen auf das Fest vor, Lichter schmücken Fenster, alte Bräuche werden gepflegt. Doch hinter dieser friedlichen Oberfläche beginnt sich etwas zu regen, das mit Idylle nichts mehr zu tun hat.

Im Mittelpunkt steht Ornbau, ein kleines, vom Mittelalter geprägtes Städtchen mit engen Gassen, alten Mauern und einer Geschichte, die tief in frühere Jahrhunderte reicht. Genau hier wird Georg Holler, ein allseits geschätzter Heimatforscher, ermordet aufgefunden. Der Tatort ist kein Zufall: der sogenannte Diebesturm, ein altes Gemäuer, das selbst Teil lokaler Legenden und Überlieferungen ist. Schon der Ort des Verbrechens verknüpft Vergangenheit und Gegenwart auf unheilvolle Weise.

Der Mord trifft Ornbau ins Herz. Holler war kein Außenseiter, sondern jemand, der Wissen sammelte, bewahrte und weitergab. Seine Beschäftigung mit regionaler Geschichte, alten Überlieferungen und vergessenen Zusammenhängen wirft früh die Frage auf, ob sein Tod mit dem zusammenhängt, was er wusste – oder mit dem, was er vielleicht hätte ans Licht bringen können. Das Verbrechen wirkt wie ein gezielter Eingriff in das kollektive Gedächtnis der Region.

Die Ermittlungen übernimmt Patrick Fuchs, erster Hauptkommissar der Kripo in Ansbach. Fuchs bringt einen Hintergrund mit, der ihn von Beginn an als besondere Figur ausweist. Erfahrungen beim LKA, Einsätze in Afghanistan, Konfrontationen mit Gewalt und Extremsituationen prägen seinen Blick auf Menschen und Motive. Dennoch steht er hier vor einem Rätsel, das weniger militärisch als mental ist. Die dörfliche Struktur, die Nähe der Menschen zueinander und das Gewicht alter Geschichten verlangen eine andere Art der Aufmerksamkeit.

Unterstützung erhält Fuchs von Christian Steinbach, einem Dozenten der landwirtschaftlichen Hochschule Triesdorf und langjährigen Freund. Diese Konstellation erweitert den Blick auf den Fall. Wissenschaftliche Neugier, analytisches Denken und regionale Verwurzelung ergänzen die klassische Polizeiarbeit. Gespräche werden zu Spurensuchen, historische Details zu möglichen Tatmotiven. Vergangenheit ist hier kein Hintergrundrauschen, sondern ein aktiver Teil der Ermittlungen.

Der Roman nutzt die winterliche Atmosphäre konsequent. Schnee, Kälte und frühe Dunkelheit verstärken das Gefühl der Isolation. Wege werden länger, Begegnungen seltener, Geheimnisse dichter. Die Landschaft wirkt zugleich wunderschön und abweisend, ein Raum, der Schutz bietet, aber auch verbirgt. Gerade diese Ambivalenz prägt den Ton der Geschichte.

Als die Ermittlungen an Fahrt aufnehmen, verschärft sich die Lage dramatisch. Eine Kollegin der SOKO Ornbau wird entführt und schwebt in akuter Lebensgefahr. Der Fall kippt von einer rückwärtsgewandten Spurensuche in eine unmittelbare Bedrohung. Zeit wird zum entscheidenden Faktor, Fehler sind nicht mehr korrigierbar. Die Täter zeigen, dass sie bereit sind, weiterzugehen, Grenzen zu überschreiten und Druck aufzubauen.

Fuchs und sein Team geraten unter enormen Zugzwang. Die Suche nach dem Mörder wird zur Mörderjagd, bei der jede falsche Annahme fatale Folgen haben kann. Gleichzeitig müssen sie sich mit einer Region auseinandersetzen, die ihre eigenen Regeln kennt. Schweigen, Loyalität und Misstrauen gegenüber Außenstehenden erschweren die Arbeit. Informationen sind vorhanden, aber nicht frei verfügbar.

Besonders wirkungsvoll ist der Umgang mit regionalen Besonderheiten. Lokalkolorit dient nicht als dekorative Kulisse, sondern als strukturierendes Element der Handlung. Alte Bräuche, Dialektfärbungen, soziale Hierarchien und historische Verweise fließen organisch in die Erzählung ein. Der Titel „Hexnwerch“ verweist auf Aberglauben, auf überlieferte Vorstellungen von Schuld und Vergeltung, die auch in der Gegenwart noch nachwirken.

Der Krimi stellt immer wieder die Frage, wie stark alte Geschichten das heutige Handeln beeinflussen. Was als Folklore erscheint, kann zur Rechtfertigung von Gewalt werden. Was als Heimatpflege beginnt, kann gefährliche Wahrheiten freilegen. Der Mord an Georg Holler wirkt rückblickend wie der Versuch, etwas zum Schweigen zu bringen, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Die Figuren bleiben dabei bewusst geerdet. Patrick Fuchs ist kein unfehlbarer Held, sondern ein Ermittler, der seine Erfahrungen mit sich trägt und dennoch lernen muss, sich auf eine andere Art von Bedrohung einzulassen. Die Zusammenarbeit mit Steinbach öffnet neue Perspektiven, zeigt, dass Wissen auch außerhalb polizeilicher Strukturen entscheidend sein kann.

Am Ende verdichtet sich die Geschichte zu einem Kriminalroman, der Spannung aus Atmosphäre, Geschichte und psychologischer Genauigkeit zieht. „Hexnwerch“ von Jacqueline Reese verbindet winterliche Melancholie mit kriminalistischer Dynamik und zeigt das fränkische Seenland als Ort, an dem Schönheit und Dunkelheit dicht beieinanderliegen.

So entsteht ein Heimatkrimi, der nicht beschönigt, sondern genau hinsieht. Zwischen alten Türmen, gefrorenen Feldern und festlich geschmückten Dörfern entfaltet sich eine Erzählung über Erinnerung, Schuld und die Frage, wie weit Menschen gehen, um ihre Wahrheit zu schützen. Zur Buchinfo (Amazon PP Werbung)

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