Der Kriminalroman „MordsApp“ von Dennis A. Nowak verlegt sein Verbrechen in eine Jahreszeit und eine Stadt, die scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Spätsommer, Ferienzeit, ein Volksfest in Eichstätt – Musik liegt in der Luft, die Altstadt ist belebt, das Leben wirkt leicht. Doch genau in diese sorglose Oberfläche schneidet das Verbrechen. Die Idylle ist nur Fassade, dahinter öffnet sich ein Abgrund, der tiefer reicht, als es die barocken Fassaden vermuten lassen.

Ein junger Student aus Montreal, Gast an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Kein öffentlicher Tatort, kein zufälliger Fund, sondern ein Mord im privaten Raum. Die Tat wirkt gezielt, persönlich und verstörend. Schon dieser erste Bruch verleiht dem Roman eine besondere Spannung: Das Verbrechen trifft nicht irgendeinen Randbereich der Gesellschaft, sondern die offene, internationale Universitätswelt, die Eichstätt seit Jahren prägt.

Mit den Ermittlungen wird Hauptkommissar Dieter Pallasch von der Ingolstädter Mordkommission betraut, unterstützt von seinem Kollegen Lachmann. Die beiden bringen eine nüchterne Perspektive in eine Stadt, die sich selbst gern als überschaubar und sicher versteht. Pallasch agiert ruhig, analytisch, fast sperrig. Er beobachtet mehr, als er redet, und verlässt sich nicht auf den ersten Eindruck. Gerade in einer Umgebung, in der vieles auf den ersten Blick freundlich und harmlos wirkt, wird diese Haltung zur Notwendigkeit.

Der Fall entwickelt sich rasch zu mehr als einer klassischen Mordermittlung. Während Pallasch und Lachmann mögliche Täter ins Visier nehmen, geraten sie in eine Spirale der Eskalation. Verdächtige sterben, noch bevor sie vernommen werden können. Die Leichen sind grauenvoll verstümmelt, die Taten wirken kalkuliert und brutal. Der Täter scheint nicht zu fliehen, sondern zu inszenieren. Jeder neue Mord ist eine Botschaft – und ein weiterer Schritt voraus.

Eichstätt selbst wird dabei zum Spannungsraum. Die Stadt mit ihren engen Gassen, barocken Gebäuden und studentischen Treffpunkten bietet zahlreiche Schauplätze, die zwischen Alltag und Bedrohung pendeln. Volksfest und Mordermittlung existieren nebeneinander, fast unvereinbar. Während draußen gefeiert wird, arbeiten die Ermittler gegen die Zeit. Diese Gleichzeitigkeit verstärkt die Unruhe, die sich durch den gesamten Roman zieht.

Der Titel „MordsApp“ deutet früh an, dass moderne Technik eine zentrale Rolle spielt. Digitale Spuren, Kommunikation und Abhängigkeiten bilden einen unsichtbaren Hintergrund, der das Geschehen lenkt. Der Täter bewegt sich nicht nur durch reale Räume, sondern auch durch virtuelle. Informationen werden beschleunigt, Manipulation wird einfacher, Kontrolle schwerer. Der Roman zeigt, wie sehr sich Verbrechen in einer vernetzten Welt verändern und wie Ermittler gezwungen sind, mitzuhalten.

Pallasch und Lachmann geraten dabei zunehmend unter Druck. Jeder neue Fund verschiebt die Perspektive, jede vermeintliche Spur führt in eine Sackgasse. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wächst. Der Täter ist nicht nur einen Schritt voraus, er scheint die Ermittlungen bewusst zu begleiten. Diese Nähe erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, in der Sicherheit zur Illusion wird.

Der Roman nutzt diese Konstellation, um mit Erwartungen zu spielen. Verdächtige wirken plausibel, Motive liegen offen zutage, nur um im nächsten Moment zu zerfallen. Die Ermittler müssen lernen, nicht nur nach klassischen Mustern zu suchen, sondern das Gesamtsystem zu betrachten. Beziehungen, digitale Abhängigkeiten und psychologische Bruchstellen greifen ineinander.

Trotz der Härte der Verbrechen bleibt der Ton kontrolliert. Die Gewalt dient nicht dem Selbstzweck, sondern unterstreicht die Kälte und Entschlossenheit des Täters. Gleichzeitig bewahrt der Roman eine gewisse Distanz, die Raum für Spannung lässt. Humor tritt nur punktuell auf, meist in trockenen Bemerkungen oder beiläufigen Beobachtungen, die den Figuren Tiefe verleihen, ohne die Bedrohung zu relativieren.

Die Universitätsstadt Eichstätt erhält in diesem Kontext eine neue Dimension. Internationalität, Offenheit und akademische Freiheit stehen plötzlich im Kontrast zu Angst und Misstrauen. Der Mord an einem ausländischen Studenten wirkt wie ein Riss im Selbstbild der Stadt. Die Frage nach Sicherheit, Verantwortung und Nähe wird unausweichlich.

Mit fortschreitender Handlung verdichtet sich das Gefühl, dass der Täter weniger an einzelnen Opfern interessiert ist als an Kontrolle. Die verstümmelten Leichen sind Teil eines Spiels, dessen Regeln nur einer kennt. Pallasch versucht, dieses Spiel zu durchschauen, während die Zeit gegen ihn arbeitet. Jeder Fehler könnte weitere Opfer bedeuten.

Am Ende steht kein gemütlicher Regionalkrimi, sondern ein düsterer, moderner Thriller, der das Altmühltal von einer ungewohnten Seite zeigt. „MordsApp“ von Dennis A. Nowak verbindet regionale Verankerung mit zeitgenössischen Themen und einer Handlung, die konsequent Spannung aufbaut. Die barocke Idylle Eichstätts bleibt sichtbar, doch sie wird brüchig, durchzogen von digitalen Schatten und menschlichen Abgründen.

So entsteht ein Kriminalroman, der beweist, dass selbst die ruhigsten Orte nicht vor radikaler Gewalt geschützt sind. Zwischen Volksfest und Mordkommission, zwischen Smartphone und Tatort entfaltet sich eine Geschichte, die zeigt, wie nah Idylle und Schrecken beieinanderliegen – und wie tödlich ein einziger Schritt Vorsprung sein kann. Zur Buchinfo (Amazon PP Werbung)

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